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Krafttier Wolf

Geschichtenkiste - Krafttier Wolf

Zusammen sind wir stark

Schlafen konnte der Wolf nicht. Dafür war es zu kalt. Es hatte schon den ganzen Tag geregnet und nach dem Sonnenuntergang gefror es schon fast. Wieder stand er auf, nur um sich an derselben Stelle wieder hinzulegen. Verzweifelt versuchte er sich noch enger an den Baum zu schmiegen. Aber um keinen Preis der Welt würde sich der Wolf jemals einem Rudel unterordnen! Pah! Eher würde er hier erfrieren! Die Nacht dauerte gefühlt eine Ewigkeit und der Wolf war froh, als er den Sonnenaufgang am Horizont erblickte und endlich aufstehen und den warmen Strahlen entgegenlaufen konnte. Als er plan- und ziellos umherstreifte, sah der Wolf in der Entfernung ein kleines Wolfrudel, angeführt vom Alpha-Tier, anscheinend auf der Jagd.

Der Wolf lachte innerlich, als er sich vorstellte, wie er brav gehorchend jemandem hinterhertrotten würde. Ständig mit anderen Wölfen unterwegs, ständig Kompromisse schließen, ständig rumgeschubst werden,… nicht mit ihm! Er war schon immer auf sich selbst gestellt und er würde auch keinem außer ihm vertrauen. Aber das musste er ja schließlich nicht. 

Als er Hunger bekam, hielt er die Augen nach leichter Beute offen. Aber allein war das nicht so leicht, denn er konnte sich nicht mit großen Tieren anlegen und besonders flinke nicht einkesseln. 

Und deswegen suchte und suchte der Wolf, bis er im Wald zwei kleine Wildschwein-Frischlinge entdeckte. Schnell blickte er sich um, ob sich ihre Eltern in der Nähe befanden, aber er konnte niemanden entdecken. 

So hoffte er auf ein bisschen Glück und schnappte eins der beiden. Er würde es erst forttragen und dann in einer sichereren Umgebung verspeisen. Doch er war noch nicht einmal 10 Schritte gegangen, als er hinter sich den wütenden Schrei einer Wildsau hörte. 

Einen Augenblick überlegte er, ob er das Junge lieber zurücklassen sollte, doch genau dieser Augenblick kostete ihm fast alles. Obwohl der Wolf so schnell rannte wie er nur konnte, hatte ihn die Wildsau schon nach kurzer Zeit erreicht und auch der Eber war nicht mehr weit entfernt. 

Ihm wurde der Frischling entrissen und dann spürte er schon die kräftigen Zähne des Ebers in seinem Rücken. 

Doch das war schon fast das letzte, woran er sich mit Sicherheit erinnern konnte. Als er schon mit seinem Leben abgeschlossen hatte, hörte er hinter sich ein gefährliches Knurren. Oder kam es von mehreren Tieren? Er blickte nach oben und sah ein Wolfsrudel direkt vor ihm stehen, bereit die Wildschweine zu zerfleischen. Aber dann verschwamm seine Sicht und er spürte noch, wie er auf den Boden sackte, bevor alles schwarz wurde.

Langsam kam der Wolf wieder zu sich, was er als erstes spürte, waren seine schmerzenden Gliedmaßen, aber vor allem die klaffende Wunde an seinem Rücken, obwohl sie weniger schmerzte als er angenommen hatte. Er versuchte sich aufzurichten, aber der Schmerz drückte ihn zurück auf den Boden.

„Bleib liegen und ruh dich aus. Wir kümmern uns um deine Wunde.“ Überrascht schlug der Wolf seine Augen auf und erkannte das Wolfsrudel von vorhin, es war dasselbe, das er am Morgen gesehen hatte. „Da hast du ganz schön etwas abgekriegt. Aber warum legst du dich ausgerechnet mit einer Wildschwein-Mutter an? Und wo ist dein Rudel?“

„Ich…ich bin alleine unterwegs.“ Stotterte der Wolf. An dem Auftreten seines Gegenübers erkannte er, dass das wohl der Alphawolf sein musste. „Ich hatte großen Hunger und nichts außer die Wildschwein-Frischlinge gefunden.“ 

„Das versteh ich,“ sagte das Alphatier, „aber du solltest nicht alleine umherziehen. Damit macht man es sich unnötig schwer Nahrung zu finden.“

Auf einmal spürte der Wolf etwas klebriges auf seiner Wunde, er wollte schon entsetzt aufspringen, als er bemerkte, dass es seltsam gut tat. Die Masse betäubte seine Wunde ein wenig.

„Schließ dich uns an! Wir könnten ein weiteres Mitglied gut gebrauchen und so wies aussieht du ein neues Rudel.“

„Darauf kann ich gut verzichten. Danke“ erwiderte der Wolf, als er sich aufrichtete. Er war schon immer alleine gewesen, und dieses Privileg wollte er nicht aufgeben.

„Bleib liegen, ruh dich aus!“ befahl der Alphawolf mit einem strengen Blick.

„Du hast mir nichts zu sagen! Du bist nicht mein Boss! Schubs doch deine Leute rum und lass mich in Ruhe!“ knurrte der Wolf. Mit einem Ruck richtete sich der Alphawolf in voller Größe auf, fletschte seine Zähne und brüllte „Hinlegen!“

Winselnd gab der Wolf nach. „Ich schubs meine Leute nicht herum, ich sorge für sie. Wir hätten dich im Wald sterben lassen können, aber ich befahl, dich mitzunehmen und zu versorgen. Du hast Recht, in einer Gemeinschaft muss man Kompromisse eingehen und es ist nicht immer leicht. Aber wie du siehst, rettet sie dir im Notfall das Leben, sorgt für Nahrung und Schutz und Sicherheit. Ich bin selbst lange Zeit allein umhergeirrt, bis ich erkannte, dass ich es mir nur selbst schwer gemacht habe, weil ich zu arrogant war, um mir einzugestehen, dass auch ich auf Hilfe angewiesen bin.“

Und der Wolf realisierte erst jetzt, wie nah er schon dem Tod war, als das Rudel kam und dass er sich niemals hätte selbst verarzten können. Und so schloss er sich zögernd dem Rudel an, anfangs noch überfordert und schüchtern, aber mit der Zeit akzeptierte er seinen Platz als Beta Wolf und lernte auf andere zu achten und selbst Hilfe anzunehmen.

Nie mehr musste er hungern. Nie mehr in der Nacht frieren. Nein, er streifte beim Sonnenuntergang mit seinem Rudel auf den Wiesen umher und es war das schönste, was er seit langer Zeit erfahren hatte.

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