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Krafttier Delfin

Geschichtenkiste - Krafttier Delfin

Herzensmelodie

»Nanu?«, dachte der Delfin, als er seine morgendliche Runde durch das Korallenriff zog. »Dieser grosse Stein lag doch gestern gar nicht da.« Vorsichtig näherte er sich dem seltsam aussehenden Felsen, der ihm zu glatt und zu schwarz für ein buntes Korallenriff erschien. Bei näherer Betrachtung dieses ungewöhnlichen Objektes zuckte er plötzlich zusammen. Dieses schwarze, glatte Gebilde hatte eine weisse Unterseite und zwei weisse Flecke auf der Seite. Und da erkannte er es ganz genau. Das war kein Stein. Das war ein Orca. Zwar noch ein Kind, aber zweifelsohne ein Orca-Kind. Delfine sind die Leibspeise von Orcas. Aber von diesem kleinen Lebewesen schien keine Gefahr auszugehen. War es am Ende tot? Wie sonst konnte sich hierhin in das Korallenriff ein Orca verirren?

Langsam tastete sich der Delfin an den scheinbar leblosen Körper heran und betrachtete diesen ganz genau. Noch nie zuvor war er einem Orca so nahe gekommen. Doch halt! Was war das? War dies ein Zucken der Augenlider? Erschrocken fuhr er zurück. War noch Leben in diesem gefährlichen Tier? Und da! Nochmal ein deutliches Zucken.

Plötzlich spürte der Delfin einen Strom aus Energie durch seinen ganz Leib strömen und er fühlte sich stark und unverwundbar. »Ich bin ein Krafttier«, dachte der Delfin. »Ich bin ein Krafttier Delfin!« Kaum hatte er das laut ausgesprochen, da verschwand jegliche Angst aus seinem Körper. Ohne es erklären zu können, hatte er diesen bereits unter das Orca-Kind geschoben, und trug es mit aller Kraft die er aufbringen konnte, auf seinem Rücken hoch hinauf auf die Wasseroberfläche. Er wusste nicht, warum er es tat. Er wusste nur, dass er es machen musste.

»Atme kleiner Orca«, forderte der Delfin seine schwere Last auf. »Atme!« Plötzlich stiess das Orca-Kind einen befreienden Wasserstrahl aus seinem Luftloch aus. Der Delfin bemerkte nun, dass er die schwere Fracht nicht mehr tragen musste. Tatsächlich trieb der kleine Wal von selbst im Wasser. »Ein guter Moment um so schnell als möglich das Weite zu suchen«, sagte der Delfin zu sich selbst. Da öffnete das kleine Wesen seine Augen und sein Blick liess den Delfin wiederum seine Angst vergessen. Blaue Augen sahen ihn an. So blau, wie er sie noch nie zuvor an einem Meereslebewesen gesehen hatte.

So schön und doch so leer und so traurig.

»Wie fühlst du dich?«, fragt der Delfin zaghaft das arme Bündel, welches teilnahmslos im Wasser trieb. »Ich weiss nicht genau. Warum bin ich hier oben? Ich hatte mich doch schon aufgegeben. Jetzt kostet es mich wieder so viel Kraft mich auf den Meeresboden sinken zu lassen.« »Aber am Grund des Meeres kannst du nicht atmen«, erklärte der Delfin. »Lieber sterbe ich schnell, als von Haien gefressen zu werden«, antwortete das Orca-Kind. »Denn ohne meine Mutter bin ich verloren«.

In diesem Moment erkannte der Delfin das Unglück, in dem sich der kleine Wal befand. »Du bist blind. Nicht wahr?« flüsterte er mitleidsvoll. »Seit meiner Geburt.«, erwiderte das Orca-Kind, und seine blauen Augen funkelten wie eine von Sonnenstrahlen berührte Wasseroberfläche, als sie sich mit Tränen füllten. »Ich habe meine Familie verloren, als sie einen Heringsschwarm verfolgte. Dabei habe ich mich so bemüht immer in Mutters Nähe zu bleiben. Aber trotzdem war ich plötzlich ganz allein.« Dem Delfin zerbrach beinahe sein Herz, als er die verzweifelten Worte hörte. Aber Mitleid konnte dem kleinen Orca-Kind nun auch nicht weiter helfen. Was es jetzt brauchte, war Kraft und Mut. Die Kraft eines Krafttieres.

»Dann werden wir deine Mutter suchen. Du wirst sehen, wir finden sie!«, rief der Delfin zuversichtlich aus. »Nein, ich werde gar nichts sehen! Ich kann nicht sehen!«, konterte der Orca verzweifelt.

»Es geht gar nicht darum, was du nicht kannst. Es geht vielmehr darum, was du kannst!« Der Delfin war sich seiner Worte sehr sicher. Und darum fuhr er fort: »Du kannst nämlich immer noch fühlen und hören! Und du wirst das, bald noch viel besser können, als jemals ein Orca vor dir«. Noch bevor das Wal-Kind wusste, wie ihm geschah, hatte sich der Delfin bereits wieder unter sein Bäuchlein geschoben, und schwamm wiederum höher und höher den Sonnenstrahlen entgegen, die durch die Wasseroberfläche brachen. »Fühle die Wärme der Wasseroberfläche auf deiner Haut. Je wärmer deine Haut wird, umso näher bist du der lebenswichtigen Atemluft. Kannst du es fühlen?« Einige Sekunden vergingen. »Ja, ich fühle es!«, flüsterte der Orca. Endlich konnte der Delfin wieder Hoffnung in der Stimme des Wals erkennen. Sie übten das Erfühlen der Wasseroberfläche den ganzen Tag.

Hin und wieder brachte der Delfin seinem Schüler ein wohlschmeckendes Fischlein.

Die Stimmung der beiden stieg von Stunde zu Stunde und sie scherzten und lachten miteinander. Waren sie müde, ruhten sie auf der Oberfläche. Waren sie wach, so übten sie das Umschwimmen von Felsen und anderen Fischen. »Setze deinen Gesang ein um Hindernisse zu erkennen. Hörst du deine Stimme noch in weiter Ferne, so ist kein Hindernis vor dir. Kommt dein Lied zu dir zurück, dann gib acht!« Das kleine Orca-Kind war so geschickt und seine Stimme so voller Leben, dass es in Windeseile gefahrlos durch das Wasser glitt. »Juhuuu…ich bin der schnellste Orca im ganzen weiten Meer«, rief das Junge glücklich aus. Stolz und zufrieden beobachtete der Delfin seinen Schüler und freute sich über seine Fortschritte.

»Nun kommen wir zum letzten Schritt.«, sprach der Delfin eines Tages. »Lass uns nun deine Mutter finden.« Dabei verdunkelte sich der Blick des Orcas wieder. »Dieses Meer ist zu gross um nach ihr zu suchen. Wir wüssten nicht einmal, wo wir mit der Suche beginnen sollten.« »Erinnerst du dich noch an ihr Lied? Weisst du noch, wie ihr Gesang geklungen hat?«, fragte der Delfin. »Die Stimme meiner Mutter werde ich niemals vergessen. Sie war alles, was ich hatte. Ihr Lied war das Erste, das ich hörte, als sie mich geboren hatte und es war mein Geleit bei Tag und Nacht. Ich werde sie immer in meinem Herzen tragen.«, erklärte das Orca-Kind, und in seinen Augen funkelnden wieder die Tränen. »Dann werden wir sie auch mit deinem Herzen suchen«, erwiderte der Delfin, »indem du jetzt nur mit deinem Herzen zu hören versuchst. Mit all deiner Liebe.«

Da wurde der kleine Wal ruhig und man konnte meinen, das ganze Meer hätte seine Melodie verloren. Nur weit entfernt, hörte man die herzzerreissende Stimme eines Wals, der ein Lied über den Verlust seines Kindes sang.

Wie von unsichtbaren Seilen gezogen, trieb der kleine Wal dieser Stimme entgegen. Da setzte auch er zu singen an und der ganze Meeresgrund war erfüllt von einem einzigen sich ineinander verwebenden Klang. »Mama…«, flüsterte der kleine Orca in einem Moment und stiess einige kräftige Flossenhiebe aus, die ihn direkt zu seiner Mutter nach vor schnellen liessen. Endlich hatten sie sich wieder gefunden. Ihr gemeinsames Lied, welches ihre Herzen sangen, hatte sie wieder zusammen geführt. Liebevoll, in enger Umarmung verbunden, strebten sie beide dem Sonnenlicht entgegen, und stiessen mächtige Wasserfontänen in den blauen Himmel.

Der Delfin betrachtete die Wiedervereinigung aus sicherer Entfernung aus. Gerade als er sich wieder auf seine Reise machen wollte, spürte er einen sanften Stupser an seiner Flosse. Das kleine Orca-Kind war noch einmal zu ihm zurückgekehrt. »Ich danke dir, dass du mich nicht aufgegeben hast, als ich verloren schien. Du hast so viel Kraft für mich aufbringen müssen.«, sagte der kleine Wal zu seinem Lehrer. »Wie ich dir schon einmal sagte – es spielt keine Rolle, was du nicht kannst. Es ist immer nur von Wichtigkeit, was du kannst.«, antwortete der Delfin.

Später sah er zu, wie zwei schwarze Kreise im kristallblauen Ozean verschwanden. »Lebe wohl, kleiner Orca!«, flüsterte der Delfin ihnen nach. »In Wirklichkeit bist du das wahre Krafttier, denn auch du bist ein Delfin.«

Und in der unendlichen Weite des Ozeans, konnte man noch lange den Herzensgesang der Wale hören.

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